FRAGILE / Bitte nicht fühlen ist eine Serie über den Moment, in dem ein Mensch nicht mehr als Mensch erscheint, sondern als Ware: etikettiert, gesichert, verpackt, „geschützt“. Die Oberfläche glänzt wie Fürsorge – doch sie ist vor allem eine Technologie der Distanz: eine Folie, die vorgibt zu bewahren, und in Wahrheit trennt. Eine Ästhetik, die Wärme simuliert, während sie Berührung verbietet.
Die Figuren dieser Arbeiten sind keine Porträtierten im klassischen Sinn. Sie sind Objekte im Kreislauf der Zirkulation: zwischen Lager und Wohnzimmer, zwischen Schaufenster und Support-Chat, zwischen „Wir kümmern uns“ und „aufgebraucht“. Um sie herum: Blumen. Blumen als kulturelle Tarnkappe. Blumen als Alibi. Blumen als das älteste PR-Material der Welt: Sieht nach Liebe aus, ist aber Logistik.
Die Serie arbeitet mit einer bewusst widersprüchlichen Tonlage: tragisch, weil diese Körper (und Blickachsen) nach Luft suchen; komisch, weil die Absurdität der Verpackung ständig in Slapstick kippt (die Folie knistert wie Applaus, der nie gemeint war); provokant, weil sie das hübsche Vokabular von Schutz, Transparenz und Service entlarvt; und politisch, weil sie nicht bei Stimmung stehen bleibt, sondern fragt: Wem nützt diese Distanz? Wer verdient an der „Sicherheit“? Wer wird zur Ware?
Die Folie ist dabei kein Zufalls-Motiv. Sie ist Metapher und Beweisstück zugleich: Sie steht für Entfremdung, für das „sichere“ Separieren, für Bürokratie als Ästhetik – glatt, klar, verantwortungsfrei. Genau so funktioniert auch die große Erzählung unserer Zeit: Alles wird transparent, nur niemand übernimmt Verantwortung. Überall Fenster, aber kaum Türen. Überall Sichtbarkeit, aber wenig Nähe.
Und doch ist diese Serie keine reine Anklage. Sie ist auch eine kleine Revolte der Schönheit. Denn die Blumen bleiben nicht brav. In mehreren Bildern kippen sie vom Dekor zur Drohung, vom Arrangement zur Forderung: Eine Blüte wird zum Banner, ein Auge wird zum Protokoll, eine verschränkte Haltung zur Grenze. Die Figur lernt, dass „fragile“ nicht heißt: schwach – sondern: wertvoll. Und dass Wert nicht aus dem Markt kommt, sondern aus Solidarität.
Die Erzählung ist als Acht-Kapitel-Roman mit einer fehlenden Seite angelegt. Kapitel 5 existiert nicht. Es wurde entfernt, weil es doppelt war. Und genau das ist der politische Kern: In Systemen, die Effizienz lieben, gilt das Doppelte als Fehler. In Leben, die von Care-Arbeit getragen werden, ist das Doppelte oft der Normalzustand: noch einmal aufstehen, noch einmal halten, noch einmal trösten, noch einmal erklären. Unsichtbar, unbezahlt, „nicht relevant“. Das fehlende Kapitel ist das, was man streicht, damit die Oberfläche sauber bleibt.
FRAGILE / Bitte nicht fühlen ist damit eine Serie über das, was sich nicht verpacken lässt: Würde, Verletzlichkeit, Zärtlichkeit – und Wut. Eine Serie, die fragt, ob wir Menschen weiter als Lieferketten behandeln wollen – oder ob wir wieder lernen, dass Gesellschaft nicht aus Waren besteht, sondern aus Beziehungen.